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MZL International: Wie steht es um die Inklusion in Costa Rica?

Der stellvertretende Geschäftsführer des MZL im Interview mit einer Sonderpädagogin in Costa Rica

02.06.2022

teaser_costarica_nlBereits 13 Jahre ist es her, dass Deutschland der Konvention der Vereinten Nationen über die Rechte Behinderter beigetreten ist. Vor allem der Artikel 24 der Konvention gilt als richtungsweisend für die Gestaltung der Bildungslandschaft, indem er die Vertragsstaaten verpflichtet, ein inklusives Bildungssystem auf allen Ebenen zu gewährleisten. In Bayern wird der Ansatz der „Inklusion durch eine Vielfalt schulischer Angebote“ verfolgt: Es gibt sowohl Angebote, in denen eine Gruppe von Schüler:innen mit sonderpädagogischem Förderbedarf zusammen mit Schüler:innen ohne sonderpädagogischen Förderbedarf unterrichtet wird als auch die Möglichkeit, dass einzelne Schüler:innen mit Förderbedarf eine allgemeine Schule besuchen mit der Unterstützung des Mobilen Sonderpädagogischen Dienstes. Darüber hinaus wurde Inklusion zur Aufgabe aller Schulen ernannt, Schulen mit dem Schulprofil Inklusion geschaffen und weiterhin gibt es Förderschulen. Doch wie wird die UN-Konvention in anderen Ländern umgesetzt? Wie wird woanders mit dem Thema Inklusion umgegangen?

Diese Fragen stellte Karl Tschida, stellvertretender Geschäftsführer des MZL, Evelyn Brenes Dittel, einer Lehrkraft in Costa Rica:

Es scheint, dass man bezüglich Inklusion in Schulen in Costa Rica schon recht weit fortgeschritten ist?

In der Theorie ja. In der Praxis ist es doch noch eine große Herausforderung und es sieht mit der Umsetzung der Ziele der UNO doch häufig etwas anders aus. Bis zum Jahr 2032 soll Inklusion in Costa Rica umgesetzt sein. Tatsächlich werden die Plätze an Förderschulen reduziert und auch die Finanzmittel von sonderpädagogischen Einrichtungen werden von Jahr zu Jahr gekürzt. In unserem Zentrum arbeitet ein Team aus Sonder- und Sozialpädagog:innen, Psycholog:innen und unterschiedlichen Therapeut:innen. Dies wäre auch in den Regelschulen nötig, was aber bis auf wenige Ausnahmen nicht geleistet werden kann. Darüber hinaus müssten die Regelschullehrkräfte besser auf ihre Arbeit mit Kindern mit besonderem Förderbedarf vorbereitet werden. Dazu gibt es schon einige Kurse an den Universitäten, was jedoch bei weitem nicht ausreichend ist. Daher fühlen sich auch viele Lehrkräfte an den Regelschulen derzeit überfordert, da sie nicht adäquat mit den Kindern mit Förderbedarf umgehen können. Es passiert daher oft, dass diese Kinder aus dem Unterricht herausgenommen werden und separat unterrichtet werden, was wiederum dem Gedanken der Inklusion entgegenspricht. Betrachten wir beispielsweise ein autistisches Kind. Autismus wird nach bestimmten Kriterien definiert. Nichtsdestotrotz sind autistische Kinder nicht gleich in ihrem Verhalten. Man muss sich also dementsprechend individuell auf die Kinder einstellen und individuell mit ihnen arbeiten. Man muss viele Dinge vorhersehen und beispielsweise den Tag dieser Kinder sehr gut strukturieren und etwa berücksichtigen, dass diese Kinder sensorisch sehr empfindlich sind, was Licht oder auch Lärm angeht, was bedeutet, dass viele schulische Aktivitäten ein Problem für sie darstellen. Man will diese Kinder aber auch nicht ständig aus dem Klassenverband herausnehmen. Kommt nun ein Kind zu uns, dass die Möglichkeiten hätte an die Regelschule zugehen, arbeiten wir mit dem ganzen Team, dem Kind und den Eltern zusammen, um es möglichst gut auf die Regelschule vorzubereiten und um die Entwicklungsmöglichkeiten möglichst gut einzuschätzen. Wenn ein Übergang in die Regelschule ausgesprochen wird, ist es das Ziel, dass dieses Kind in der Regelschule mit hoher Wahrscheinlichkeit erfolgreich sein wird und dort bleiben kann. Es ist nichts damit gewonnen, wenn es die Kinder nicht schaffen und frustriert an die Förderschule zurückkehren.

Wie werden die Vorgaben der UNO bezüglich Inklusion in Costa Rica angewandt?

Zunächst passiert das per Gesetz. In Costa Rica gibt es das sogenannte DUA (Diseno universal para el Aprendizaje) DUA ist ein methodisches Instrument, das darauf abzielt, den Lehrplan flexibler zu gestalten und dabei die Vielfalt der Lernbedürfnisse zu berücksichtigen. Eine Gruppe von Schüler:innen, die natürlich in vielerlei Hinsicht sehr unterschiedlich sind und natürlich auch unterschiedlich lernen. Die DUA besagt, dass die Lehrkraft dies berücksichtigen und individuell auf die Schüler:innen eingehen muss, was auch wiederum Teil der Inklusion ist.

Sprechen wir über die Schule, in der du arbeitest. In Deutschland gibt es unterschiedliche Fördereinrichtungen für die unterschiedlichen Förderbedarfe. Wie sieht das bei euch aus?

Das Centro de Educación Especial de Turrialba ist eine Fördereinrichtung mit unterschiedlichen Förderschwerpunkten (geistige Behinderung, multiple Behinderungen, Sehbehinderungen, Hörbehinderungen, Sprachbehinderungen, Autismus, Verhaltensstörungen) Alle Kinder bis auf Kinder mit multipler Behinderung und Kinder mit Verhaltensstörungen werden gemeinsam unterrichtet. Auch Therapeut:innen (Ergo-, Verhaltenstherapeut:innen, Logopäd:innen) besuchen die Klassen und unterrichten bzw. arbeiten dann aber mit allen Kindern. Ziel ist es, allen Kindern das zu ermöglichen, was sie brauchen, aber innerhalb der Gruppe und sie nicht zu separieren.

Evelyn, du bist Grundschul- und Förderschullehrerin. Du hast beide Lehrbefähigungen. Lass uns ein bisschen über deinen Werdegang sprechen. Wie wird man Lehrkraft in Costa Rica?

In Costa Rica bieten sowohl die staatlichen als auch die privaten Universitäten Lehramtsstudiengänge an. Es gibt gesonderte Studiengänge für das Lehramt an Grundschulen, für das Lehramt in der Sekundarstufe in den unterschiedlichen Fachbereichen und für die Lehrbefähigung in Förderschulen. Jeder dieser Studiengänge ist vom costa-ricanischen Hochschulrat akkreditiert. Der Hochschulrat bestätigt damit, dass das Curriculum des einzelnen Studiengangs mit dem Profil, der Qualifikation und den Kompetenzen einer Lehrkraft einhergeht, die entsprechend definiert sind.

Warum hast du dich für die Sonderpädagogik entschieden?

Ich habe von 2001 bis 2016 im Grundschulbereich gearbeitet. Die Erfahrung hat gezeigt, dass die Heterogenität der Schüler:innen immer recht groß war. Auffassungsgabe, Lerngeschwindigkeit und die Anwendung des Gelernten differieren sehr stark. Manche lernen sehr schnell, andere bleiben zurück. Ich musste daher Methoden entwickeln, um auch die schwächeren Kinder mitzunehmen. Mich hat mehr und mehr die Frage beschäftigt, wie ich einem Kind helfen kann, dass einen anderen Lernrhythmus oder Lernstil hat.

Du hast dich also unzufrieden gefühlt, als du schwächere Kinder nicht adäquat unterstützen konntest?

So ist es. In der Förderschule ist man wesentlich flexibler. Man geht viel individueller auf die Kinder ein und unterrichtet entsprechend dem Rhythmus und den Lernfortschritten der Schüler:innen. Den Ausschlag hat dann ein Anruf des Bildungsministeriums gegeben. Man hat mir eine Planstelle in der Förderschule in Turrialba angeboten. Für mich war das zunächst eine große Herausforderung, der ich mich aber gern stellte, aber auch eine Chance auf dem Weg weiterzugehen, der mich seit geraumer Zeit beschäftigte. Dennoch war es anfangs eine harte Zeit, da ich zunächst ins kalte Wasser geworfen wurde und auch noch nebenberuflich Sonderpädagogik studierte und auch abschloss.

Nicht nur die Inklusion ist eine große Herausforderung, auch das Unterrichten während der Pandemie stellte Lehrkräfte vor große Herausforderungen: Wie war das bei euch? Die Schulen waren geschlossen und die Kinder im sogenannten Homeschooling. Wie habt ihr Kontakt zu den Kindern gehalten?

Das war genau die Schwierigkeit. Nicht alle haben zu Hause Zugang zu Internet. Was unsere Einrichtung angeht, war es besonders schwierig, da wir die einzige sonderpädagogische Einrichtung in der ganzen Region sind und wir damit einen sehr weiten Einzugsbereich haben. Es kommen sogar Kinder aus den indigenen Gebieten. Es war daher nicht einfach Kontakt zu den Schüler:innen zu halten. Diejenigen Schüler:innen, die Internetzugang hatten, wurden per Videokonferenz kontaktiert und unterrichtet. Für die anderen stellten wir gedruckte Materialien und Aufgabenpakete zusammen, die die Eltern wöchentlich zusammen mit Lebensmittelpaketen abgeholt haben, denn in Costa Rica gibt es eine staatlich geförderte Schulspeisung. Wenn die Pakete abgeholt wurden, hat man versucht, die Eltern in die Materie so gut es ging einzuführen, damit sie den Kindern zu Hause helfen konnten. Darüber hinaus wurden Anleitungen für autonomes Lernen erstellt. Viele Schüler:innen haben sich, obwohl sie die technischen Möglichkeiten hatten, diese auch nicht immer genutzt und haben sich teilweise wenig oder nicht eingeloggt, weil einfach die Motivation fehlte.

Waren die Kinder denn in der Lage selbständig ohne Lehrkraft zu arbeiten?

Die allermeisten Kinder sind dazu nicht in der Lage, ja nicht einmal, um Aufgaben oder Übungen zu machen. Man kann sich vorstellen, dass im Laufe der Zeit große Lücken entstanden sind. Das Ministerium hat uns gebeten vierteljährlich einen Bericht über den Lernfortschritt der Schüler:innen zu schreiben, was natürlich sehr schwierig ist, wenn man die Kinder in der Zeit oft nicht ein einziges Mal gesehen hat.

Waren denn die Eltern dazu in der Lage ihren Kindern zu helfen?

Auch das war sehr schwierig. Das ging schon damit los, dass manche Eltern weder lesen noch schreiben können. Wir haben uns dann mit Sprachnachrichten beholfen. Um die Eltern zu unterstützen haben wir in einem kleinen Team aus Lehrkräften, Sonderpädagog:innen, Sozialpädagog:innen und Psycholog:innen Elternabende angeboten. Erschwerend kam noch hinzu, dass viele Eltern ihre Arbeit verloren haben und nicht mehr für den Familienunterhalt sorgen konnten.

Wie geht man jetzt mit den Lücken der Schüler:innen um?

Für die Regelschulen hat man ein Programm entwickelt, um versäumten Schulstoff aufzuholen. Alle Lehrkräfte aller Fächer wurden aufgerufen zu Beginn des Schuljahres im Februar diesen Jahres zu überprüfen, welche Kenntnisse ihre Schüler:innen haben und wo sie laut Lehrplan stehen müssten. Es musste also analysiert werden, welcher Stoff im laufenden Schuljahr ansteht und welchen Stoff die Schüler:innen bereits gelernt haben müssten. In manchen Fächern lässt sich das bewerkstelligen, da man sehr stark priorisieren kann. In Mathematik beispielsweise ist das eher schwierig, da der Stoff sehr stark aufeinander aufbaut und man ohne die entsprechenden Vorkenntnisse nicht weiterkommt. Die Lehrkraft ist also die verantwortliche Person, um die Lücken der Schüler:innen zu schließen. Dies führt häufig dazu, dass viele Lehrkräfte das Tempo beträchtlich beschleunigen, was wiederum viele Schüler:innen überfordert. Im Förderbereich ist das wesentlich entspannter, da wir wesentlich mehr Raum haben und flexibler sind. In der Regelschule läuft man immer gegen die Zeit. Man muss bestimmte Inhalte abdecken, Schulaufgaben schreiben und bestimmte Resultate vorweisen. In der Sonderpädagogik gehen wir von dem Erreichten aus. Das macht den Unterschied.

Inwiefern beeinträchtigt Corona weiterhin den Ablauf in den Schulen in Costa Rica?

Im Augenblick herrscht in den Schulen und auch in den Universitäten wieder Präsenzunterricht. Schüler:innen oder Studierende, die nicht am Unterricht teilnehmen, müssen ein ärztliches Attest vorlegen bzw. wenn sie Kontaktperson sind. Man muss jetzt versuchen, wieder zur Normalität zurückzukehren. Andererseits werde ich im Unterricht weiterhin Maske tragen, obwohl es keine Maskenpflicht mehr gibt.

Ich bedanke mich herzlich für das Interview.


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