Münchener Zentrum für Lehrerbildung
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Schüler*innen mit Autismus-Spektrum-Störung: „Schon ein kalter Luftzug kann die Konzentration stören”

25.11.2021

pass_1Bunte Stifte, grelles Licht, Gemeinschaftsarbeit: Vieles kann Schülerinnen und Schüler mit Autismus-Spektrum-Störungen beim Lernen aus dem Tritt bringen. Zum Wintersemester 2021/22 ist an der LMU ein neuer Erweiterungsstudiengang zum Thema Autismus gestartet. Er steht angehenden Pädagog*innen aller Schularten offen und ist damit deutschlandweit der erste seiner Art.

Autismus ist eine komplexe neurologische Entwicklungsstörung, die aus erziehungswissenschaftlicher Sicht gravierende Auswirkungen auf das Lernen in Schule und Unterricht hat und Lehrkräfte aller Schulen herausfordert. Ein Prozent der Bevölkerung hat eine Autismus-Spektrums-Störung. Expertenschätzungen gehen aktuell sogar schon von bis zu drei Prozent aus. Im Spiegel dieser Prävalenzraten müssten allein in Bayern zwischen 10.140 und 16.800 Schüler*innen aus dem Autismus-Spektrum schulisch gefördert werden.

Spezielle Schulen (Förderschulen) für autistische Schüler*innen gibt es nicht. Schüler*innen aus dem Autismus-Spektrum sind in allen Schulformen in der bayrischen Schullandschaft allgemeinbildender Schulen vertreten. Ein Drittel der Schüler*innen mit Autismus besuchen oft gemeinsam mit einer Schulbegleitung eine allgemeine Schule und zwei Drittel ein sonderpädagogisches Förderzentrum (Förderschule). Mit rund 40 Prozent werden autistische Schüler*innen mehrheitlich am sonderpädagogischen Förderzentrum für emotional-soziale Entwicklung unterrichtet.

Einen neuen (Förder-)Schultyp ausschließlich für autistische Schüler*innen braucht es nicht und wird es bildungspolitisch auch in Bayern nicht geben. Die Zukunft gehört der schulischen Förderung autistischer Schüler*innen in inklusiven Settings, auch wenn die Zahl der Schulausschlüsse und Ersatzbeschulungen wie Hausunterricht und Webbeschulung aktuell mit 20 Prozent für autistische Schüler*innen mit herausfordernden Verhaltensweisen noch unnatürlich hoch ist und sehr deutlich zum Ausdruck bringt, vor welchen großen Herausforderungen die Schulpraxis aber auch die darauf vorbereitende Lehrerbildung steht.

Bislang kann Autismus nicht als eine eigenständige sonderpädagogische Fachrichtung für das Lehramt studiert werden. Explizit ausgewiesene Lehrstühle für Pädagogik bei Autismus gibt es in Deutschland nicht. Autismusspezifisches Fachwissen für angehende Lehrer*innen sowohl für die inklusive Beschulung als auch für die Beschulung an Förderschulen wird in der 1. Phase wie in der 2. Phase der Lehrerbildung bislang nicht hinreichend vermittelt.

Im Zuge des von der Politik des bayerischen Landtags auf den Weg gebrachten Ausbaus der universitären Sonderpädagogik in Bayern ist es der LMU München gelungen im Jahr 2020 den sonderpädagogischen Lehrstuhl Pädagogik bei geistiger Behinderung und Pädagogik bei Verhaltensstörungen, auf den Prof. Markowetz 2011 berufen wurde, in zwei eigenständige Lehr- und Forschungseinheiten zu trennen und an der LMU zu etablieren. Im Juli 2020 wurde Prof. Dr. Peter Zentel auf den neu gegründeten und 5. Lehrstuhl Pädagogik bei geistiger Behinderung einschließlich inklusiver Pädagogik an die LMU berufen. Zum WS 2020/21 hat Prof. Dr. Reinhard Markowetz den denominierten Lehrstuhl Pädagogik bei Verhaltensstörungen und Autismus einschließlich inklusiver Pädagogik übernommen.

Der denominierte Lehrstuhl ist in der bundesdeutschen Hochschullandschaft bislang die erste und einzige Professur für Pädagogik im Autismus-Spektrum im Kontext der Pädagogik bei Verhaltensstörungen, die interdisziplinär forscht und in der Lehre Lehramtsstudierende für die Bedarfe von Schüler*innen aus dem Autismus-Spektrum universitär qualifiziert. Damit baut die LMU ihr Alleinstellungsmerkmal in der bundesdeutschen Hochschullandschaft weiter aus, was Prof. Dr. Oliver Jahraus, Vizepräsident für Lehre an der LMU beim Auftakt des neuen Studiengangs am 25. Oktober 2021 würdigte und als Meilenstein der bayerischen Lehrerbildung in seinem Grußwort hervorzuheben wusste.

Autismus wird damit zu einem neuen Studienschwerpunkt in der bayerischen Lehrerbildung, der von Studierenden aller Lehrämter an der Ludwig-Maximilians-Universität als Erweiterungsstudium „Pädagogik bei Autismus-Spektrum-Störungen (P-ASS)“ studiert werden kann. Dies ist auch ein erster Erfolg im Nachgang der bayerischen Autismusstrategie (www.stmas.bayern.de/autismus/bayerische-autismusstrategie.php), die im Auftrag der Politik über das bayerische Sozialministerium in den letzten Jahren erarbeitet wurde und die neben der Medizin und Psychologie nachdrücklich insbesondere die Pädagogik zu mehr autismusspezifischer Bildungs-, Schul- und Unterrichtsforschung auffordert und das Thema Autismus in der Lehrkräftebildung verbindlich verankert wissen will.

Das Erweiterungsstudium P-ASS ist zwischenzeitlich als § 118 in die Ordnung der Ersten Prüfung für ein Lehramt an öffentlichen Schulen, in die sogenannte LPO I vom 13. März 2008 aufgenommen worden (https://www.gesetze-bayern.de/Content/Document/BayLPO_I). Damit konnte die bisher ausschließlich für Studierende der Sonderpädagogik am Lehrstuhl von Prof. Markowetz angebotene Zusatzqualifikation Pädagogik bei Autismus-Spektrum-Störung nun in ein Erweiterungsstudium überführt und als Studienangebot für alle Lehramtsstudiengänge verbindlich in der bayerischen Hochschullandschaft verstetigt werden.

Staatssekretärin Anna Stolz aus dem Kultusministerium nennt den neuen Studiengang in ihrem Grußwort zu Beginn des Studiums, für das sich 75 Lehramtsstudierenden eingeschrieben haben "unglaublich wertvoll" für Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung. Der Erweiterungsstudiengang, sei "ein großer Gewinn für die Lehrerausbildung in Bayern." Die universitäre Ausbildung, die mit dem 1. Staatsexamen abschließt, stelle die Weichen für einen guten, inklusiven Unterricht. Über vier Semester hinweg entwickeln zukünftige Lehrer*innen nicht nur das nötige Feingespür für den pädagogisch wertvollen Umgang mit autistischen Schüler*innen, sondern lernen sie passgenau zu unterstützen und Autismus sensibel zu begleiten.

bild2Das Erweiterungsstudium soll für die berufspraktische Arbeit qualifizieren und die Lehramtsstudierenden zum interdisziplinären, theoriegeleiteten Wahrnehmen, Denken und professionellen Handeln anleiten. Für die beruflich kompetente Arbeit in Handlungsfeldern und Einrichtungen der schulischen Bildung mit Kindern und Jugendlichen mit Autismus-Spektrum-Störungen werden sowohl grundlagentheoretisches Wissen als auch störungsspezifische, diagnostische, didaktisch-methodische und Reflexions- und Evaluationskompetenzen sowie autismussensible Beratungskompetenzen vermittelt. Damit sollen die Studierenden individualisierte und binnendifferenzierte Unterrichtsstrategien für einen optimalen Lernfortschritt für Schülerinnen und Schüler mit Autismus-Spektrum-Störungen entwickeln und in der Folge einen langfristigen Lernerfolg betroffener Schülerinnen und Schüler sicherstellen können.

Angeboten, durchgeführt und verantwortet wird der neue Studiengang vom Lehrstuhl Pädagogik bei Verhaltensstörungen und Autismus einschließlich inklusiver Pädagogik an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Das Erweiterungsstudium ist NICHT zulassungsbeschränkt und kann jeweils zum Wintersemester aufgenommen werden! Ausführliche Informationen über das Erweiterungsstudium "Pädagogik bei Autismus-Spektrum-Störungen (P-ASS)" finden Sie unter: www.edu.lmu.de/esE/erweiterungsstudium.

Kontakt:
Univ.-Prof. Hon.-Prof. Dr. Reinhard Markowetz
Ludwig-Maximilians-Universität München
Leopoldstr. 13
D-80802 München
markowetz@lmu.de


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